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Die Neue Seidenstraße

Drei Bücher über die Seidenstraße sind mir besonders in Erinnerung geblieben. Das erste ist eine historische Romanerzählung. Sie spielt um 100 n. Chr. und schildert die Abenteuer des kaiserlichen chinesischen Kronprinzen, unerkannt als Ch‘ing Pao Ch’ein reisend. Der Kronprinz beschreibt fern des kaiserlichen Hofes die enorme Bedeutung des Seidenhandels und der Seidenstraße ‒ damals in voller Blüte stehend. Der Roman ist nicht nur wegen seiner wunderbaren Sprache und Bildhaftigkeit, sondern auch wegen seines geschichtlichen Hintergrunds lesenswert (Mervin, Samuel: Die Seidenstraße, Hamburg 1951).

Das zweite Buch des schwedischen Forschers und Abenteurers Sven Hedin zeichnet ein gänzlich anderes Bild der Seidenstraße. Wir befinden uns in den Jahren 1933-35 und Sven Hedin schildert, wie er auf abenteuerlichen Wegen in damals unerforschten Gebieten durch die Wüste Gobi die buchstäblich vom Wüstensand überwehten Reste der Seidenstraße sucht und findet. Ihre Blütezeit ist schon lange vorüber. (Hedin, Sven: Die Seidenstraße, Leipzig 1936).

Am dritten Buch wird gerade geschrieben. Es heißt: „Die Neue Seidenstraße“. Der Autor: Xi Jinping – der chinesische Staatschef. Es handelt davon, die alte Seidenstraße zu neuer Blüte emporzuheben und in unsere moderne Zeit zu transformieren. Das Projekt ist gigantisch zu nennen: China investiert bis zu einer Billion US-Dollar (eintausend Milliarden) in neue Infrastrukturverbindungen zwischen Europa, Asien und Afrika. Neben der wirtschaftlichen gibt es eine politische Dimension: durch die neuen Handelswege sollen die teilnehmenden Länder und ihre Absatzmärkte enger an China gebunden werden. Viele westliche Staaten sind skeptisch oder besorgt.

Das Projekt ist ein strategisches Projekt. Deshalb schreibe ich als BWL-Professor darüber: weil strategische Unternehmensführung und strategische Staatsführung manche Gemeinsamkeiten haben. Strategien sind für das langfristige Gedeihen hier von Unternehmen, dort von Staaten unverzichtbar. Das macht dieses Projekt „Neue Seidenstraße“ so bemerkenswert. Es handelt sich zweifellos um eine Strategie: China denkt und handelt hier in Jahrzehnten. China stellt sich die Frage, wo seine Gesellschaft und die Grundlagen seiner Existenz in zehn, zwanzig oder fünfzig Jahren liegen könnten. Und China beantwortet diese Frage u.a. mit diesem Projekt.

Nun frage ich mich, welche strategischen Konzepte mein eigenes Heimatland haben mag.

Unsere Industrie treibt das Thema „Digitalisierung“ um ‒ das ist aber ein eher wirtschaftliches Thema. Das Thema „Energieversorgung“ wäre ein strategisches Thema. Der wachsende Energiehunger der Menschheit und die ökologischen Belange der Welt müssen in Einklang gebracht werden. Die „Energiewende“ aber, wie sie nach meiner Wahrnehmung derzeit angepackt wird, kann es eigentlich auch nicht sein. Denn bei vernünftiger strategischer Planung hätten wir nicht die Atomkraftwerke zuerst abgeschaltet, sondern einen Gesamtfahrplan entwickelt ‒ bevor wir jetzt feststellen, dass alles ziemlich teuer und konzeptionell „schief“ zu sein scheint. Immerhin war die Atomkraft, so umstritten sie ist, ein Garant für CO2-freien Strom, für billigen Strom und für eine stabile Grundlast der Energieerzeugung. Vielleicht hätte man sie übergangsweise als Brückentechnologie nutzen können. Auch denke ich an Windkraftanlagen im Norden Deutschlands, deren Strom in Ermangelung von Stromtrassen nicht dorthin kommt, wo er benötigt wird.

Wo also stehen bei uns in Deutschland Staat, Politik und Gesellschaft in zehn, zwanzig oder fünfzig Jahren? Was sind unsere übergeordneten strategischen Themen, an denen die politischen und gestaltenden Kräfte unseres Landes arbeiten?

Ich habe sie nicht gefunden.

Natürlich ist es in einer Demokratie nicht leicht, langfristige Strategien über große Zeiträume  hinweg zu entwickeln. Die Beschränkung auf Legislaturperioden – ein Wesenskern der Demokratie – ist unverzichtbar. Die handelnden Personen und Institutionen sind dennoch nicht von der Verantwortung entbunden, diese langfristige Orientierung zumindest auch anzustreben.

Anders ausgedrückt: Das operative (politische) Tagesgeschäft bedarf der Einbettung in strategische (politische) Konzepte. Gibt es solche Konzepte nicht, steigt die Gefahr eines nur noch flatterhaften politischen „Betriebs“ für Staat, Politik und Gesellschaft.

Ein Wesenskern strategischer Projekte ist deren Gesamthaftigkeit. Es geht also um das Gesamte oder um wesentliche Teile des Ganzen. Strategische Projekte sind komplex mit vielen zu berücksichtigenden Interessen. Dies gilt auch für die Politik, denn sie bestimmt maßgebend unsere Zukunft, und die gibt es auch noch in zehn, zwanzig oder fünfzig Jahren.

Wo ist unsere „Neue Seidenstraße“?